"Habt ihr euren Zwerg schon im Kindergarten angemeldet?"

Diese Frage kommt, seit der Zwerg sechs Monate alt ist. Damals wie heute sind die Fragenden über unsere Verneinung verwundert. Wir haben uns noch nicht einmal einen Kindergarten angeschaut.
Ich schreibe dies als ausführliche Erklärung an die Fragenden, die nicht weiter nachfragen. Und ich schreibe dies an Eltern, die vielleicht Zweifel an der Institution Kindergarten haben und nicht den Mut haben, sich gegen den Trend zu stellen.

Warum wurden Kindergärten gegründet?

Mit Aufkommen der Industrialisierung Mitte des 18. Jahrhunderts löste sich das Konzept der Großfamilie auf. Frauen und Männer wurden in Fabriken eingespannt, die Kinder verwahrlosten. So entstanden “Kinderbewahranstalten”. Mit Friedrich Fröbel, Pestalozzi und Montessori hielten pädagogische Prinzipien Einzug und aus Kinderbewahranstalten wurden Kindergärten um Kinder zu pflegen und zu hegen, wie Pflanzen in einem Garten. Während des ersten Weltkrieges konnten durch Kindergärten die Männer an die Front und die Frauen in der Rüstungsindustrie arbeiten. Zur Nazi-Zeit war der Kindergarten die ideale Möglichkeit “deutsche Kinder” aufzuziehen. Und ich denke, in der Nachkriegszeit ebenfalls eine “Bewahrungsanstalt” um die zerstörten Städte von den Eltern wieder aufbauen zu lassen. Seit etwa den 90ern ändert sich der Auftrag von Kindergärten. Aus einer Begleitung der Kleinkinder wird mehr und mehr eine vorschulische Bildungseinrichtung. Mindestens einmal die Woche wird Sport gemacht. Mindestens einmal die Woche kommt jemand, der den Kindern Englisch oder andere Fremdsprachen beibringt. Ich muss nur in meinem alten Ordner aus Kindergartentagen blättern um dort schon Buchstaben, Zahlen, Uhrzeiten und das richtige Zähneputzen zu finden.

Aber was ist mit der Sozialisierung?

Mit Sozialisierung ist meist der Umgang mit anderen Menschen gemeint. Wir nehmen unseren Großen mit zum Einkaufen auf den Markt, er kennt unsere Marktleute und interagiert mit ihnen. Er kennt unsere Lieblingskellnerin im Stammcafé und viele unserer Dorfnachbarn. Es gibt Kinder verschiedensten Alters in unserem Dorf, denen wir auf dem Spielplatz begegnen. Ich denke, Sozialisierung nur auf den Kindergarten zu beschränken ist zu kurz gedacht. Wie fühlt ihr, liebe Leser, euch in Gruppen? Und vor allem in Gruppen, in denen Menschen verschiedenster Herkunft, Geschlecht, Interessen und so weiter zusammen kommen? Seid ihr eher extrovertiert und geht in solchen Gruppen auf? Dann kann ich euch zu eurer Persönlichkeit nur gratulieren, die euch mit in die Wiege gelegt wurde! Mein Mann, mein Großer und ich gehören zur introvertierten Sorte und sind in Gruppen von mehr wie 1 gestresst. Dabei sind sowohl mein Mann als auch ich wunderbar “sozialisiert”. Wir gingen beide in den Kindergarten. Und wir brauchen nach Viele-Menschen-Gelegenheiten, wie Geburtstage, Feiertage oder ähnliches immer ein paar ruhige Tage um uns zu erholen. Unser Großer zeigt uns das auch. Er kann sich zu solchen Gelegenheiten wirklich gut benehmen, nachdem er zwischen 10 Minuten und zwei Stunden Zeit hatte aufzutauen und sich alle teilnehmenden Menschen anzuschauen. Aber DANACH! Der angestaute Stress des Jemand-Anders-Seins entlädt sich in Brüllattacken, Wutanfällen und Weinen bis gespuckt wird, weil er sich derart verkrampft.

Wozu also in den Kindergarten?

Ich erinnere mich an eine bestimmte Stunde im Religionsunterricht der 12. Klasse. Wir diskutierten über Kindergarten und zu Hause bleiben. Damals war ich glühende Verfechterin des Kindergartens. Wegen dem Kontakt zu anderen Kindern und weil Kinder von anderen Kindern besser lernen. Und vermutlich, weil ich es nicht anders kannte und gar nicht in Betracht zog, dass es Mütter gibt, die so lange zu Hause bleiben wollen. Ganz zu Schweigen vom finanziellen Aspekt.

Mein Gesamtbild sieht also folgendermaßen aus: Unser Kind ist sozialisiert, denn er hat Freunde und weiß sich in Gruppen zu benehmen. Es reicht, wenn er Schreiben, Lesen und die Uhrzeiten erst im Schulalter lernt. Dabei kennt er jetzt mit zwei schon D, R, S, O und M. Ohne Kindergarten. Und ich bin sicher, wir werden ihm das alles mit der Zeit vorher sowieso beibringen und zwar einfach weil er selbst das Interesse daran zeigt. Unsere Tage sind ritualisiert wie in einem Kindergarten auch, einfach weil uns allen damit ein Halt gegeben wird. Und darin sind die Haustiere miteingeschlossen. Unser Großer lernt also auch schon Verantwortung für andere, denn er wird in die Haustierpflege einbezogen. Indem wir ihn nicht in den Kindergarten schicken, gehen wir auf seine Persönlichkeit ein. Wäre er eher extrovertiert und entspannt was Fremde und viele Menschen angeht, würden wir ihn auch guten Gewissens in den Kindergarten bringen. Da dem aber nicht so ist, können wir ihn nicht wissentlich diesem chronischen Stress aussetzen. Dass chronischer Stress krank macht, muss sicher nicht erwähnt werden.

Und dann gibt es noch diesen für uns wichtigen Punkt: Zeit.

Wir möchten Zeit mit unseren Kindern verbringen. Wir haben uns durch das schwere erste Jahr gekämpft. Und jetzt, wo es endlich schön wird, sollen wir unser Kind in andere Hände geben? Er wird mit sechs zur Schule gehen. Dort den halben Tag verbringen, dann wird sich die Schulzeit erhöhen mit Nachmittagsunterricht. Später kommen auch sicher noch Hobbies und Freunde dazu. Dann die erste Freundin. Es folgt der Auszug und sein eigenes Leben. Und das gönne ich ihm. Aber jetzt habe ich die Gelegenheit ganze Tage mit ihm zu verbringen und auf der Entdeckungsreise zu begleiten. Und das möchte ich nutzen. Und ich möchte Einfluss darauf haben was er lernt und wie er es lernt. Und ja, wir machen es uns damit nicht gerade leicht. Wir müssen mit den Finanzen sehr gut haushalten. Es wäre “leichter”, den Zwerg in den Kindergarten zu bringen, damit ich ebenfalls Geld verdienen kann. Alessandro könnte Vollzeit arbeiten gehen. Aber alles Geld der Welt kauft uns nicht mehr Zeit mit unserem Kind! Und wer weiß schon, wie viel Zeit auf Erden einem bestimmt ist? Also versuchen wir, so viel davon wie möglich zusammen zu verbringen. Und genießen es, unserem Sohn beim Blühen zuzusehen.

Kommentar von Alessandro

Wir sind mit dieser Ansicht zwar komisch, aber nicht allein. Erwähnen möchte ich an dieser Stelle das Netzwerk kindergartenfrei.org und diese Liste mit 22 guten Gründen für “Homekindergardening”.