“Ich möchte mit Stoffwindeln wickeln”, bei diesem Satz blieb meiner Schwiegermutter der Mund weit offen stehen. “Bist du dir sicher?” Ja, ich war mir sicher. Ich mochte unserem Sohn nicht einen Müllberg vermachen. Denn was die Schwiegermutter nicht wusste: Es müssen nicht mehr umständlich Baumwolltücher gefaltet und um Babys Po gewickelt, festgemacht und eine Plastikhose darüber gepfrimelt werden. Die Stoffwindeln von heute sind gut durchdachte Systeme und in der Handhabung kaum umständlicher als die Wegwerfwindeln bekannter Hersteller.

“Aber ist das nicht eklig?” Nein, ist es nicht. Oder muss etwa der kleine Mensch, der mit Wegwerfwindeln gewickelt wird, nicht auch am Po gesäubert werden? Ja, es erfordert etwas Übung, die Windeln richtig um Menschleins Po zu positionieren, aber das muss man auch mit Wegwerfwindeln herauskriegen. Und auch mit solchen können Maleure passieren. Doch wie eine Mutter so schön sagte: “You’ll get shit on your hands anyway!”
Apropos “shit”: Wir haben noch keine nennenswerten Desaster zu vermelden. Bisher landete alles vorbildlich in der Windel!

“Es muss doch bis zum Himmel stinken!” Tut mir leid Euch enttäuschen zu müssen, das tut es nicht - solange man den Windeleimer einen Spalt offen lässt.
“Und der Aufwand? Man muss die Windeln sicher aufwendig vorbehandeln!” Auch Quatsch. Milchstuhl ist wasserlöslich, man kann also getrost die Windel, wie sie von Babys Po kommt in die Waschmaschine stecken. Und wenn später mal die Beikost eingeführt wird und der Stuhl sich verändert hat, legt man ein Stück Vlies ein, das dann mit spitzen Fingern im Klo entsorgt werden kann.

Beim Waschen gibt es nur zwei Punkte zu beachten: Erstens sollte man beim Waschmittel darauf achten, dass es keine Cellulasen enthält. Diese werden dem Waschmittel zugesetzt um die Rauheit von Baumwollfasern zu mindern. Damit vermindern sie aber auch die Saugkraft der Faser.
Natürlich sind von Stoffwindelherstellern spezielle Waschmittel erhältlich, doch Sind diese wie man sich schon denken kann etwas teurer. Wir haben schon vor längerer Zeit auf ein Waschmittel, das in Großpackung, ohne jegliche Duftstoffe und Füll- und Bleichmittel über die Waschkampagne erhältlich ist, umgestellt. Und dieses wird bei uns auch für die normale Wäsche verwendet.
Zweitens müssen die Windeln wirklich gut durchgespült werden. Das heißt bei unserer Waschmaschine die Einstellung “40°C”, “Vorwäsche” und “Intensivspülen” und das Waschmittel nur ins Vorwäsche-Fach. Wie in manchem Blog zu lesen ist, muss bei anderen Maschinen sogar übers Waschmittelfach per Duschkopf noch zusätzliches Wasser zugeführt werden.

“Ob das noch ökologisch ist?” Da wir in einem Land leben, in dem man sich noch keine Sorgen um Wassermangel machen muss sind Stoffwindeln für mich auf jeden Fall eine Überlegung wert! Außerdem ist zu bedenken, dass Kinder, die mit Stoffwindeln gewickelt werden, schneller trocken werden und die Stoffwindeln qualitativ so hochwertig sind, dass sie gut noch ein zweites oder drittes Kind überstehen!

Jetzt zu den Windeln selbst. Nach stundenlanger Recherche im Internet und etlichen Youtube-Videos habe ich mich für ein Probeset für Neugeborene und ein großes Paket größerer Stoffwindeln (16 Blueberry Simplex, 4 Totsbots Bamboozle) entschieden.
Das Probeset für Neugeborene enthielt diverse Saugeinlagen, Überziehhöschen und eine saugfähige, unglaublich flauschige Nachtwindel. Der Clou an diesen Neugeborenen-Windeln ist, dass über einen Druckknopf in der Mitte eine Nabel-Aussparung entsteht. Außerdem sind diese Windeln etwas kleiner (für ein Gewicht ab 2,5kg) als die Simplex.
Jetzt im nachhinein haben sich die Neugeborenen-Windeln als unnötig und zu umständlich erwiesen. Mein Mann stand verloren vor der Auswahl an Windeleinlagen und fragte: “Welche soll ich nehmen?” Ich hatte immer wahllos eine heraus gezogen und in den Überzieher gesteckt (mir fielen Unterschiede in der Saugkraft auf), aber problematisch fand ich, dass diese Einlagen ständig verrutschen und sich das große Geschäft auch großflächig verteilt hat. Folglich versuchte ich die Simplex obwohl der Nabel noch nicht abgefallen war und unser Sohn die vom Hersteller angegebenen 3,5kg noch nicht erreicht hatte. Es gab keinerlei Probleme mit dem Nabel, denn man kann die Windel so falten, dass eine Tasche für den Nabel entsteht. Und Die Windel ist über die Druckknöpfe klein genug eingestellt, dass alles gut sitzt.

“Sind Stoffwindeln günstiger als Wegwerfwindeln?” Finanziell sieht es vorläufig gut aus für die Stoffwindel. Wir wissen zwar noch nicht genau wie hoch unser zusätzlicher Wasser- und Stromverbrauch ausfallen wird. Ebenso unklar ist der Wiederverkaufswert. Trotzdem spricht folgender Vergleich für sich:

Stoffwindeln Wegwerfwindeln
Anschaffung: Einmalig 570,- für 20 Windeln Regelmäßig 7,95 € für 44 Windeln
Tagesverbauch: ~ 10 Windeln ~ 6 Windeln
Zeitraum: ~ 3 Jahre ~ 5 Jahre
Nebenkosten: Strom, Wasser, Waschmittel Müllgebühr, Fahrtkosten
Müllberg: 0 m 500 m
Nerven: keine bis gering wenig bis panisch
Summe ohne Nebenkosten: 570,- € ~ 2.000,- €
Preis pro Windelwechselvorgang: 0,05 € 0,18 €

Was bleibt da noch zu sagen? Ich bereue jetzt nach vier Wochen die Entscheidung nicht. Die Zahlen haben wir uns natürlich vorher schon angeschaut. Aber das ruhige Gewissen beim Windelwechsel ist wunderbar! Und sogar die Oma und Uroma haben Spaß am Windelwechsel, denn es ist ja nicht kompliziert und die Windeln sind herrlich bunt und abwechslungsreich. Also dann, fröhliches Wickeln!

Nachtrag Ende August nach einer kurzen Einmalwindel-Episode

Liebe Stoffis, wegen eines Umzugs mussten der Zwerg und ich leider zwei Wochen auf Euch verzichten und oh, wie haben wir Euch vermisst! Es war toll Euch wieder zum Wickeln nutzen zu können.
Die großen Geschäfte, die von der Einmalwindel aufgefangen wurden wie sie sollten und ich den Zwerg nicht umziehen musste, kann ich an drei Fingern abzählen. Da liegt nun die Vermutung nahe, dass die Windeln vielleicht zu klein waren. Da auf der Packung die Gewichtsangabe 7- 12kg war und der Zwerg im Moment bei 8,5kg ist, sollte das nicht das Problem gewesen sein. Und mangelnde Übung…bei durchschnittlichen 6 Wickelungen am Tag ist man doch schnell wieder drin!
Und ja, wir haben mehr Einmalwindeln gebraucht am Tag als Stoffis und das obwohl wir mit Stoffis etwa alle drei Stunden wechseln. Als wir noch schwanger waren, gab uns ein Freund den Rat, den Windeleimer immer fest zuzumachen und jetzt wissen wir auch warum!! Unser Spatz schläft bei uns im großen Bett und mit dieser furchterregenden Mischung aus Urin und Chemie in der Nase aufzuwachen ist absolut nicht schön! Nein liebe Stoffis, die ganze Familie will Euch nicht mehr missen und mit Euch ist alles viel entspannter.
Liebe Grüße, Familie Haas

PS: Die 10 Windeln am Tag aus der vorläufigen Rechnung haben sich inzwischen (etwa ab dem dritten Monat) auf 4-5 reduziert.

Tipps und Bezugsmöglichkeiten

Stoffwindel-Blog mit Tests: Wickelmania
Stoffwindel-Shop: Stoffywelt
Günstiges Waschmittel: Waschkampagne