Zur Hölle mit dem Ja-Sager!

Kennt ihr das auch? Jemand fragt euch etwas, ihr antwortet mit “Nein” und werdet ignoriert? Das passierte erst neulich in unserer Familie. Unser Zwerg ist jetzt 2 Jahre alt und hat seit etwa zwei Monaten die Bedeutung und die Konsequenz von “Nein” verstanden. Scheinbar jedoch verlernen Erwachsene beides im Lauf der Zeit wieder. Warum sonst bietet jemand dem Kind dann etwas zu Essen an obwohl es laut und deutlich “Nein” dazu gesagt hat. Es sagte Nein und doch hielt man ihm weiterhin den Obstschnitz unter die Nase und ein Tisch voller Erwachsener sah es erwartungsvoll an. Als das Kind dann stur und stumm vor sich hinstarrte amüsierte man sich : “Schau wie es nachdenkt!” Da konnte ich mich nichtmehr zurückhalten und sagte barsch: “Ja, es versteht nicht, was ihr noch von ihm wollt, nachdem es doch deutlich gesagt hat, dass es nicht essen will!”

Und wenn wir als Erwachsene Nein sagen? Dann kann das meist ebensowenig akzeptiert werden. Hat nicht jeder eine Oma, Tante oder Schwiegermutter, die ein Nein nicht annehmen kann? Etwa wenn man am Esstisch nicht noch einen dritten Nachschlag möchte. Oder tödlich beleidigt ist, wenn das ausgesuchte Kleidungsstück einem weder passt noch gefällt und man dankend ablehnt? Ich gehöre zu diesen notorischen Ja- Sagern. Wie in diesem Artikel aus der Welt beschrieben, stand auch bei mir oft die Angst dahinter, eine Beziehung zu ruinieren. Seit ich jedoch Mutter geworden bin und unser Kind jemanden brauchte, der seine Bedürfnisse durchsetzt habe ich gelernt Nein zu sagen. Und da Nein-sagen Übung braucht, kann ich das inzwischen auch für mich selbst. Wichtig dabei ist der gesundheitliche Aspekt. Ja zu etwas zu sagen das man nicht möchte, löst eine Stressreaktion aus. Ich bekomme dann Tinitus, Kopfschmerzen und Durchfall. Wenn ich also nicht auf mich achtgebe und Grenzen setze - denn das bedeutet ein Nein - werde ich krank. Und krank auf ein zweijähriges Kind aufpassen ist sehr schwer. Ganz zu Schweigen von psychischen Langzeitschäden.

Im oben genannten Artikel erklärt Markus Biebl, ein Psychotherapeut, dass eine Beziehung nicht unter dem einen oder anderen Nein leide und dass man die Reaktion auf ein Nein auch aushalten müsse. Offensichtlich hatte er noch nie mit einigen meiner Familienmitgliedern zu tun! Wird bei manchen nämlich mit “Nein, danke”, geantwortet, so steigen sie auf emotionale Erpressung um. “Aber ich habe mir soo viel Mühe gegeben!” oder “Aber das war doch so teuer!” Mag ja sein, aber Mühe macht die Fensterdekoration nicht schöner oder beim Essen meinen Magen nicht leer. Und auch ein teures Schmuckstück oder der Designerpullover ändern nichts an meinem Kleidungsstil und meiner Konfektionsgröße. Und ähnlich verhält es sich auch mit Kinderspielzeug. Ich vermag nicht zu schätzen, wie viel Geld an die Spielzeugindustrie gewandert ist, das einfach rausgeschmissenes Geld war, weil bei uns nicht damit gespielt wird. Dabei ließen sich solche Situationen wunderbar vermeiden. Zu Beginn des Essens könnte man sagen, dass sich jeder selbst nachnehmen kann. Bei Kleidung und Spielsachen könnte man kurz zum Telefonhörer greifen und Interesse und Größe abklären. Vielleicht gibt es ja etwas, das dringender benötigt wird. Und bei der Dekoration, nun, das sollte man nicht persönlich nehmen. Der Gefragte kann nichts dafür, wenn der Fragende nach einem Kompliment heischt und stattdessen eine ehrliche Antwort bekommt! Wenn ich dem “Nein” ein “Ich möchte das nicht” gleichsetze, zeige ich der fragenden Person meine Grenze auf. Meine Grenzen sind meist sehr militärisch aufgebaut, denn ich habe wenige, die mir jedoch wichtig sind. Eine hohe Mauer mit Nato-Draht, Scharfschützen, Wachhunden und einem Feld aus Minen. Wer also meint, sich über meine - in der Regel deutlich artikulierten - Grenzen hinwegsetzen zu können, muss mit starkem Beschuss rechnen.

Kommentar von Alessandro

Nein! Ein klar artikuliertes und bestimmtes Nein. Das muss man lernen. Das Nein ist viel essentieller als das Ja. Nicht ohne Grund hat unser Sohn das Nein schon viel früher sagen können als das Ja. Es steckt nicht nur die eigenen Grenzen ab sondern dient auch als Messgerät für den Grad an Freiheit, den man in seinem Leben genießt. Wie oft kann man sich es leisten Nein zu sagen? Und zu wem? Die Möglichkeit Nein zu sagen zeigt wie unabhängig man ist. Sei es im Denken, in der Arbeitswelt, in der Familie, unter Freunden oder unter Fremden. Ein Nein auf die Freiheit!