Wenn es um Kinder oder Säuglinge geht, gibt es für alles einen Namen. Baby-led weaning (gut greifbares Essen, bei dem der Säugling bestimmt was und wie viel er essen möchte), Bonding (Eltern-Kind-Verbindung), Speih- und Gedeih-Kind, Schreibaby, PEKiP (Prager-Eltern-Kind-Programm) und so weiter und so fort. Für junge Eltern erscheint das erstmal wie eine Geheimsprache. Für Eingeweihte macht es aber teilweise Sinn, um schnell zu verstehen worum es geht. Manche Bezeichnungen sind jedoch einfach nicht hilfreich oder schaden sogar.

Nicht hilfreich war für uns etwa die Bezeichnung des Schrei-Kindes. Ja, unser Kind hat geweint. Sehr viel und untröstlich. Und zwar nicht erst zur “3-Monats-Kolik”, sondern auf den Tag genau drei Wochen nach der Geburt. Und es verkrampfte so sehr beim Schreien, dass es blau anlief. Eine Woche lang beobachteten wir das. Es wurde nicht besser und so fuhren wir ins Krankenhaus, in dem unser Kind zur Welt gekommen war. Nach einer kurzen Untersuchung durch den diensthabenden Kinderarzt wurde uns angeboten, das Kind über Nacht dazubehalten, damit wir ausruhen können. Sonst konnte er nichts feststellen. Empört fuhren wir nach Hause. Wir mochten junge Ersteltern sein, aber sowas! Mir fehlen heute noch die Worte! Nichts half unserem Kind, manchmal nicht einmal das Tragetuch, das in den meisten Fällen das Allheilmittel für kleine Traglinge ist. Dann fiel uns auf, dass es an Tagen mit viel Herumgereiche schlimmer war, als an ruhigen, dreisamen Tagen. Also wurde dem ein Riegel vorgeschoben, zum Unglück mancher nahen Verwandten. Diese brachten für unsere neu aufgestellten Regeln nur wenig Verständnis auf.

Bestärkung kam von unserem betagten Kinderarzt: “Mit Ihrem Kind ist alles in Ordnung, es reagiert nur sehr sensibel auf seine Umwelt und vertritt seine zahlreichen Bedürfnisse inbrünstig.” Das sei für Eltern mit Kindern, die nicht so hohe Bedürfnisse haben, nur schwer nachzuvollziehen.

Als werdende Eltern deckt man sich mit Spucktüchern ein und zwar mit vielen. Bei uns waren es etwa dreißig und es gab Tage, da waren fünfundzwanzig davon im Waschkorb. Ein Kind, das viel spuckt und trotzdem groß wird, wird Speih- und Gedeih-Kind genannt. Das läge am “Reflux”. Der Muskel, der den Magen nach oben hin verschließt, sei noch nicht so stark und daher könne beim Bäuerchen etwas Milch mitkommen. Das klang für mich zwar plausibel, erklärte aber nicht die geronnene Milch, die auch zwei oder gar drei Stunden später noch kam. “Ich würde mir da keine Sorgen machen, das Kind nimmt ja zu.” So oder ähnlich sprach unsere Hebamme (die auch Stillberaterin ist). Hmm, na gut. Gedanken habe ich mir trotzdem gemacht. Aber erst sehr viel später ist mir aufgefallen, dass sich auch hier eine Korrelation zu aufregenden, frustrierenden und stressigen Tagen machen lässt. Mit wachsender Mobilität und Kommunikationsmöglichkeit wurde auch die Spuckerei besser. Einen kleinen Rückschlag verursachte unser Umzug ins Bauernhaus, was sich aber innerhalb weniger Wochen wieder gab.

Der Kinderarzt erwähnte bereits die hohen Bedürfnisse unseres Zwerges, was mich zum letzten Begriff führt, nämlich dem High Need Baby. Und hier mache ich persönlich einen Unterschied zum Schrei-Kind. Denn einem Schrei-Kind stehe ich sehr hilflos gegenüber, denn dass es schreit merke ich selbst und auch die Nachbarn. Ein Kind mit hohen Bedürfnissen ist ein Kind mit Bedürfnissen, um die man sich kümmern kann. Es ist kein Siegel, das man dem Kind aufdrückt sondern mehr eine Beschreibung seiner Persönlichkeit. Alle Kinder haben Bedürfnisse und drücken sie auch aus. Manche sind in einigen Aspekten etwas sensibler als in anderen. Und manche Kinder sind in sehr vielen Aspekten sensibler. Es gibt einen wunderbaren Artikel über diese Wesenszüge von einem amerikanischen Kinderarzt den ihr hier nachlesen könnt.

Schublade Mein Kind

Meiner Erfahrung nach ist der Umgang, den Eltern mit einem anspruchsvollen Kind pflegen, für Aussenstehende augenscheinlich gleichzusetzen mit Verwöhnen. Aber glaubt mir, wenn das Familienbett uns dreien ruhige Nächte schenkt, weil es das Bedürfnis nach Nähe und Stillen stillt, dann ist es das wert. Und auch der Haushalt bleibt liegen, aber das stört meinen Zwerg, Alessandro, mich, die Katze und den Hund nicht. Wir verbringen die Zeit lieber gemeinsam und haben ein glückliches Kind, das uns vertraut und mit großem Gefallen die Welt entdeckt.

Und die Moral von der Geschicht:

Manche Labels helfen
und manche nicht!